Es ist noch nicht all zu lange her, dass ein Karpfen das Licht der Welt erblickte. Er war weder ein besonders hübscher, noch ein besonders hässlicher Karpfen. Durchschnitt eben. Von Beginn an war er schüchtern und unsicher, nicht wissend, dass das Ablegen dieser Eigenschaften der erste Wendepunkt seines Lebens sein würde.

Der Weg dorthin war jedoch lang. Schon als ganz junger Karpfen tobte er nicht gerne mit den anderen Jungfischen herum. Er versuchte es immer wieder, aber er hat einfach nie Anschluss gefunden. Während sich die anderen Karpfen in kleinen Freundeskreisen gruppierten, fühlte er sich nie einer Gruppe zugehörig. Er wollte auch nicht, und die anderen vermutlich auch nicht.

Es war nicht so, dass er sich ausgrenzen wollte oder die anderen Fische nicht mochte – es war einfach so. Nicht schlechter oder besser als die anderen, nur eben anders.

Schon früh verließ der Vater die Familie, was ihn allerdings nie so richtig störte. Die Phase der Traurigkeit war schnell vorbei. Vielleicht zu schnell. Der kleine Fluss, in dem er aufwuchs, spendeten Trost und Frieden.

Er hatte ein, zwei Freunde, mit denen er gerne etwas unternahm und viel Zeit verbrachte – denn Zeit gab es viel in dem kleinen Fluss. In einem Seitenarm des kleinen Flusses lebten keine Fische, dafür um so mehr Natur. Schilf wuchs wild Richtung Himmel. An diesem Ort hielt er sich gerne auf. Eine Mischung aus Himmel und Hölle. Einerseits die Stille, andererseits die unberührte, teils unwirkliche Gegend. An diesem Ort konnte er sich seinen Ängsten stellen und viel über sich selbst lernen.

Viele Dinge verstand er noch nicht, vielleicht wurde er auch deshalb oft von schlimmen, immer wiederkehrenden Träumen verfolgt. Alle Träume hatten eines gemeinsam: sie zeigten dem jungen Karpfen seine Ängste auf. Oft musste er tagelang darüber nachdenken, warum ausgerechnet er solche Träume haben müsste. Wer machte diese Träume?

Die Antwort war eigentlich einfach. Die anderen Fische erzählten ihm von dem großen, gütigen Fisch, der auch den Fluss erschaffen hat. Das Schilf, die Steine. Ein mächtiger Fisch, der auf alle anderen Fische aufpasse.

Doch wie konnte dieser große Fisch gütig sein, wenn er diese Träume hatte? Was hatte er denn falsch gemacht? Er zweifelte an sich selbst.

Aber das Leben in dem kleinen Fluss folgte einem festen Schema, dem sich jeder Fisch zu beugen hatte. Zusammen mit anderen Fischen kam er ins Lehrbecken, um später ein respektierter Karpfen in der Gesellschaft zu werden. Das Lernen machte ihm viel Spaß und so verging Jahr um Jahr. Er kam jeden Tag ein bisschen besser zurecht in dieser Welt unter Wasser, machte sich mit ihren Eigenheiten vertraut – und war doch immer noch ein Einzelgänger, dem viele Eigenarten seiner Altersgenossen fremd vorkamen.

Mit der Zeit wurden die anderen Karpfen im Lehrteich aggressiver, man musste sein Revier abstecken. Und hier beginnt der eigentliche Teil der Geschichte: In einem so kleinen Fluss war nicht viel Platz, um sich zurückzuziehen. Der Fluss schien für alle so friedlich, doch es ging um Fressen oder gefressen werden – ohne Rückzugsmöglichkeiten.

Er wollte einfach nur erwachsen werden und die Welt verstehen. Doch er steckte mitten in einem kleinen Krieg – nicht mit Waffen, sondern mit Worten und Gefühlen. Er wollte keinen Krieg, er wollte Frieden. Doch der tägliche Kampf war anstrengend, er machte ihn müde, traurig und wütend. Er spürte es kommen. Die große Dunkelheit.