Es gibt Momente im Leben eines kleinen Fisches, in denen sich ein kleiner Fluss anfühlt wie ein Ozean. Ein großer, schwarzer Ozean voller Gerüchte und Hinterhältigkeit.

Unser kleiner Fisch wusste, dass sein kleiner Fluss, sein zu Hause, nicht mehr sein zu Hause war. Er war in einer fremden Welt, in der er nicht sein wollte. Und er war ganz allein. Erschrocken von der Gewalt, der Ignoranz und der Gleichgültigkeit der Anderen zog er sich zurück. Zurück in sich, an einen Ort, den ihm niemand nehmen konnte.

Doch je weiter er sich zurück zog, desto einsamer wurde er. Er war nicht alleine, aber einsam. Tief in seiner Seele fühlte er eine große Leere. Er hatte viel gelernt über Fische, denen es ähnlich ging. Fische die er nicht kannte, die aber ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Und er wusste, dass diese Leere ihn irgendwann zerstören würde. Er musste etwas ändern. So nahm er sich vor, jeden Tag mit einem Lächeln zu beginnen und zu anderen freundlich zu sein – eben genau so, wie er auch behandelt werden wollte. Aber er spürte es in seiner Brust. Die aufgesetzte Freundlichkeit funktionierte nach außen, aber nicht nach innen. Er spürte den Schmerz in seiner Brust, zuerst nur ein leichtes Stechen dann und wann.

Aber der Schmerz wurde stärker. Jeden Tag, den er mit einem Lächeln begann. Es dauerte nicht lange, und der Schmerz schien ihn von innen zu zerreißen. Wie ein böser Dämon, der aus seinem Körper brechen wollte. Er kämpfte, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.

Dieser Kampf war so ermüdend, dass er sein ganzes Leben bestimmte. Im Lehrbecken konnte er nicht mehr mit den anderen Fischen mithalten. Aber was nützt ihm auch alles Wissen der Welt, wenn er gegen den Wahnsinn kämpfte. Es war nicht so, dass er mit der Welt klarkommen musste. Er musste mit sich selbst klarkommen.

Das Stechen in seiner Brust war inzwischen zu einem andauernden Schmerz geworden, wie ein chronischer Schnupfen, den man nicht bekämpfen kann. Und es wurde jeden Tag schlimmer. Wochen und Monate vergingen in diesem einsamen Kampf, bis er schließlich das Gefühl hatte, Glassplitter würden durch seine Adern fließen.

Mitten in einer großen Menge an Fischen sank er auf den Grund, brach in Tränen aus und schrie vor Schmerz. So laut er konnte. Am liebsten hätte er sein Leben in diesem Moment beendet. Er hätte alles gegeben um den Schmerz abklingen zu lassen. Doch der Dämon hörte nicht auf ihn. Und auch sein Schreien konnte niemand hören – stand er doch immer noch lächelnd in der Menschenmenge. Die Welt in seinem Inneren hatte nichts mehr mit dem zu tun, was er nach außen zeigte.

In diesem Moment war unser kleiner Fisch verloren. Sein Kopf wollte weiterkämpfen, schwor sich, nicht aufzugeben. Er wollte nicht einer von den Fischen sein, die dem Wahnsinn und der Verzweiflung zum Opfer fallen. Nicht er. Aber sein Herz und seine Seele hatten dem Kampf schon lange aufgegeben.
Und an dem Tag, an dem der Schmerz seinen Höhepunkt erreichte und der Dämon aus seiner Brust brach, da wurde es plötzlich still. Und der Schmerz verschwand. Von einer Minute auf die andere schien es vorbei zu sein. Doch irgendetwas war nun anders.

Er spürte zwar keinen Schmerz mehr, aber er spürte auch sonst nichts mehr. Alles war taub. Sein Körper, seine Seele. Nichts. Nur Leere. Er musste lachen.

Das Wasser verlor seine Farbe, die Welt um ihn war grau. Die Sonne schien, doch nicht für ihn. Er wusste nicht mehr, ob er noch lebte oder durch den Tod erlöst wurde. Alles um ihn herum war genau wie vorher, aber das Leben schien unendlich langsam an ihm vorbei zu ziehen. Jede Minute schien wie Stunden.

Er schwamm vor einen Stein, so schnell er konnte. Er wollte den Schmerz fühlen, um zu wissen, dass er noch lebt. Wieder und wieder. Doch er spürte einfach nichts.

Während die Zeit verging, versuchte er seine Situation zu analysieren. Wie er da rein geraten war, warum er. Das Lehrbecken war unwichtig geworden, ebenso wie alles andere. Er musste etwas ändern. Er überlegte lange, wie er sein Leben wieder in die richtigen Bahnen lenken sollte. Er wollte es richtig machen, denn es war seine einzige Chance.

Und in diesem Moment traf ein Sonnenstrahl auf ihn und erleuchtete sein Herz.